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Die Virenjägerin

Kapitel 28


  
Yakup hielt es auf seiner Matte kaum aus. Immer wieder stand er auf und lief umher. Wenn es doch nur endlich Nacht werden würde, dachte er sich. Als ihn ein anderer Lagerinsasse um eine Massage bat, war Yakup richtig froh, denn dadurch war er für ein paar Minuten abgelenkt. Außerdem gab sein Kunde ihm anschließend ein halbes Käsebrot und das half Yakup, sich etwas ruhiger zu fühlen.

Am liebsten wäre er sofort aus dem Zelt gerannt und hätte den Weg nach Berlin zu Fuß in Angriff genommen. Aber solch ein Versuch war ja schon mal übel ausgegangen. Die Rippen schmerzten immer noch bei jedem tiefen Atemzug und Yakup war froh, dass er sein zerschundenes Gesicht nicht sehen konnte. Die Reaktion anderer Menschen auf seinen Anblick reichte ihm schon.

Aus der Dämmerung wurde Dunkelheit und allmählich kehrte Ruhe im Lager ein. Um den Bewachern nicht aufzufallen, legte Yakup sich auf seine Matte. Seit dem Morgen bewohnte er eine Matte in der Nähe des Zelteingangs, die er in Besitz genommen hatte, als der Vorbesitzer krank abtransportiert worden war. Seine neuen Mattennachbarn hatten sich zuerst gewundert, dass Yakup sich traute, den infizierten Platz eines Kranken einzunehmen, aber im Laufe des Tages hatten sie sich offenbar an ihren neuen Nachbarn gewöhnt.

Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Yakup all seinen Mitinsassen zu einer Massenflucht verholfen, doch er hatte den Menschen nichts zu bieten, nicht einmal das dürftige Essen, das hier ausgegeben wurde. Es würde niemandem helfen, wenn alle Lagerinsassen plötzlich frei durchs Land streifen würden. Am besten konnte Yakup den Menschen helfen, wenn er selbst frei kam und schnell ein Mittel gegen die Seuche entwickeln konnte.

Die Sekunden verbanden sich mühsam zu Minuten und Yakup hoffte, dass aus den Minuten bald Stunden werden würden. Die ganze Nacht über würde er aufbleiben müssen, denn Einschlafen konnte er sich nicht leisten. Womöglich würde er sonst seine Befreiung verschlafen. Seine Retter kannten ihn schließlich nicht und konnten ihn nicht von seinen Mitinsassen unterscheiden.

Nach und nach kehrte Ruhe ein, die gedämpften Gespräche wichen Schnarchgeräuschen und Hustenanfällen in der einen oder anderen Ecke. Sogar unterdrücktes Luststöhnen konnte Yakup ausmachen. Er wunderte sich, wie jemand in dieser Situation den Mut aufbrachte, seinem Vergnügen nachzugehen.

Eigentlich war Yakup sowieso viel zu aufgeregt, um einzuschlafen, selbst wenn er gewollt hätte. Aber die Nacht schien endlos lang und das eintönige Lagerleben machte auch müde. So fühlte Yakup sich hin- und hergerissen zwischen Aufregung und Schläfrigkeit und obwohl er so unruhig war, fürchtete er nichts mehr als den Sog in den Schlaf.

Was konnte er tun, um sicherzustellen, dass er wachbliebe?

Zuerst dachte sich Yakup Rechenaufgaben aus, deren Lösung seine ganze Konzentration erforderte, dann versuchte er Primzahlen zu ermitteln, so weit, wie er mit Kopfrechnen kam. Doch plötzlich ertappte er sich dabei, wie er von einer kilometerlangen Primzahl träumte. Das war also keine Möglichkeit für Yakup, um das Wachbleiben zu erzwingen.

Als Yakup sicher war, dass all seine Nachbarn schliefen, setzte er sich vorsichtig auf, denn im Sitzen würde ihm beim Einschlafen der Kopf auf die Brust fallen, was ihn hoffentlich wieder aufwecken würde. Er fragte sich, wie die Befreiung wohl ablaufen könnte und kam zu dem Schluss, dass er wohl zu wenig einschlägige Filme geschaut hatte, um sich die Vorgehensweise plastisch vorstellen zu können.

Dann überlegte Yakup, wie er am besten bei der Entwicklung des Medikamentes vorgehen würde. Diese Gedanken hielten ihn wach. Er versuchte, sich an soviele Informationen wie möglich von ihren Aufzeichnungen zu erinnern. Dann fragte er sich, welche Eigenschaften ein Medikament haben müsste, um gegen die Seuche zu wirken und wie man es milliardenfach billig, schnell und einfach herstellen konnte. Diese Überlegungen waren so faszinierend für Yakup, dass er kaum noch in Gefahr war einzuschlafen. Er fieberte seiner Arbeit entgegen und konnte es kaum noch abwarten, seine Gedankengänge in die Tat umzusetzen.

Fast hätte Yakup das leise Geräusch überhört, das immer näher kam. Doch dann nahm er es schließlich zur Kenntnis.

Flapflap, Flapflap, Flapflap.

Es klang wie ein Hubschrauber, oder eher: es klang wie zwei Hubschrauber, denn die Rotor-Geräusche überlappten sich.

Im Lager blieb es weiterhin ruhig. Aber Yakups Herz klopfte so laut in seinen Ohren, dass er sich fragte, ob sein Herzschlag seine Mitinsassen aufwecken konnte. Dann wurde ihm klar, dass diese Befürchtung Unfug war. Stattdessen sperrte er seine Ohren auf, ob das Geräusch wirklich von Hubschraubern kam und ob es im Lager friedlich blieb.

Das Lager blieb ruhig. Dann bellte ein Hund. Eine männliche Stimme herrschte den Hund an.

Flapflap, Flapflap, Flapflap.

Yakup zog die kratzige Decke von seinen Schultern und erhob sich von seiner Matte. Fast wäre ihm ein lauter Fluch entfahren, denn sein linker Fuß war eingeschlafen. Er traute sich nicht einmal, mit dem Fuß aufzustampfen, denn er befürchtete, außer dem Fuß auch seine Lagernachbarn aufzuwecken.

Hinkend schlich Yakup in Richtung Zelteingang. So leise, dass niemand aufwachte, auch nicht der Wachtposten, der im Stehen eingenickt war.

Flapflap, Flapflap, Flapflap, Flapflap.

Unruhe kam im Lager auf. Männer riefen Worte des Erstaunens. Noch mehr Hunde bellten. Yakup hörte das Klacken von Waffen, die entsichert wurden.

Einer der Hubschrauber schien immer näher zu kommen, der andere war weiterhin in deutlicher Entfernung zu hören. Yakup traute sich nicht, das Zelt jetzt schon zu verlassen, denn er wollte nicht von den immer unruhiger werdenden Wachtposten erwischt werden.

Waren die Ankömmlinge überhaupt Yakups Befreier? Für einen kurzen Moment kreiste diese Frage durch Yakups Hirn. Doch dann beruhigte er sich, denn schließlich hatte er fast die ganze Nacht darauf gewartet, dass etwas passiert, dass jemand von außen kommt. Und genau das geschah in diesem Moment.

Die Zeltklappe wehte mit einem Schwung zur Seite. Wind strömte ins Zelt, Wind der immer stärker wurde und sich zum Sturm steigerte.

Offensichtlich war der Hubschrauber gelandet.

Durch das inzwischen ohrenbetäubende Geräusch der Rotoren hörte Yakup, wie eine Schiebetür geöffnet wurde. Dann hörte er einen knappen Befehl. Durch die geöffnete Zeltklappe konnte er im Licht der Lagerscheinwerfer sehen, wie Mann um Mann aus dem Hubschrauber sprang. Jeder hatte ein Maschinengewehr im Anschlag.

Von allen Seiten strömten Wachtposten, ihrerseits mit Waffen in der Hand. Sie stellten sich mit drohenden Gesten vor den Eindringlingen auf. Doch keiner schoss.

Möglichst unauffällig schlich Yakup durch den Zelteingang. Was sollte er jetzt tun? Wie konnte er zum Hubschrauber vordringen, ohne erschossen zu werden?

"Yaaakup!"

Der Ruf war so laut, dass Yakup erschrak. Drei Männer mit Plexiglas-Schilden in der Hand näherten sich Yakups Zelt. Yakup winkte und wurde erkannt.

In Sekundenschnelle wurde Yakup von den Schilden umgeben und zum Hubschrauber geleitet.

Der Sturm der Rotoren nahm Yakup fast den Atem, aber ehe er sich versah, saß er im Innern des Hubschraubers auf einer Bank. Die Einsatztruppe kam hinterher und kaum hatte der letzte die Tür hinter sich zugezogen, hob der Hubschrauber auch schon ab.

Von unten hörte Yakup zorniges Brüllen, doch der Hubschrauber gewann schnell an Höhe, sodass die Rufe verebbten.

In luftiger Höhe konnte man schon den Sonnenaufgang erahnen und Yakup erkannte bald den zweiten Hubschrauber, der zur Begleitung mitgeflogen war.

Yakup blickte sich um und schaute in lauter schwarze Wollmasken. Obwohl die Männer für ihn aussahen wie gefährliche Bankräuber, bedankte er sich herzlich bei ihnen. Die Männer schienen ihn nicht zu verstehen, aber sie grunzten ihn freundlich an. Einer der Männer schlug Yakup kameradschaftlich auf die Schulter.

Später reichte ein anderer der Männer Yakup einen Kaffee, der so grässlich schmeckte, dass man damit nach Yakups Vorstellung Tote aufwecken und Lebendige töten konnte. Dennoch fühlte sich Yakup besser, nachdem er das Gebräu getrunken hatte.

Durch ein Seitenfenster sah Yakup schneebedeckte Berge vorbeiziehen. Er versuchte anhand der Landschaft die Geschwindigkeit des Hubschraubers zu ermitteln, doch das misslang. Er wusste nur, dass der Hubschrauber schnell flog, schneller als er es von einem Hubschrauber erwartet hatte.

Keiner der Männer redete mit Yakup, was wohl auch mangels Sprachgemeinschaft gar nicht möglich gewesen wäre. Die Zeit verrann. Die Berge wurden allmählich niedriger und machten später grünen Landstrichen Platz. Yakup spürte immer mehr die durchwachte Nacht. Der Lärm des Hubschraubers wirkte beruhigend und einschläfernd auf ihn.

Als sich das Geräusch des Hubschraubers änderte, wachte Yakup mit einem Schlag wieder auf. Verwirrt blickte er um sich und als er die schweigsamen Männer sah, fiel im sofort wieder ein, wo er war. Auch einige der Männer schliefen und ließen sich nicht einmal von den veränderten Geräuschen aufwecken.

Durch das Fenster sah Yakup ein Meer von Häusern. Ob das schon Berlin ist, fragte sich Yakup. Der Hubschrauber ging tiefer und schien Haken zu schlagen. Yakup überlegte, ob dadurch die Berliner Luftüberwachung ausgetrickst werden sollte. Er bezweifelte, dass der Flug einen offiziellen Status hatte. Das war ihm aber völlig egal, denn ihm war das Wichtigste, auf dem Weg zu seinen Kollegen zu sein.

Die Gegend kam Yakup immer bekannter vor, wenn die Häuser und Straßen von oben auch ziemlich ungewohnt aussahen. Yakup sah auf seine Uhr und stellte fest, dass immer noch früher Vormittag war. Zu dieser Zeit stand er sonst oft gerade erst auf, wenn er es sich leisten konnte.

Der Hubschrauber schwenkte scharf um eine Kurve und sank dann so schnell zu Boden, dass es Yakup wie im Aufzug schien. Sein Magen machte einen kurzen Hopser nach oben, aber dann waren sie auch schon gelandet.

Einer der maskierten Männer öffnete die Tür und signalisierte Yakup, dass er aussteigen solle. Das ließ sich Yakup nicht zweimal sagen und sprang aus dem Hubschrauber.

Geduckt lief Yakup zum Eingang des Laborgebäudes und kaum hatte er die Reichweite der Rotoren verlassen, stieg der Hubschrauber auch schon wieder auf.

Da stand Yakup nun vor seiner Arbeitsstelle, wie an einem ganz normalen Arbeitstag, wie damals, als sie noch nicht pleite gegangen waren. Er kramte in seiner Jackentasche auf der Suche nach seinem Schlüssel.

Doch seine Kollegen hatten offenbar die Ankunft des Hubschraubers gehört, denn die Tür wurde aufgerissen und seine Freunde stürzten ihm entgegen.

Iris fiel ihm in den Arm, Martin gesellte sich dazu und alle riefen durcheinander.

Yakup konnte es kaum aushalten, so glücklich war er, wieder zu Hause zu sein.

Die Virenjägerin

Geißeln der Menschheit. Die Kulturgeschichte der Seuchen
von Stefan Winkle

Vollautomatisch
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Die Virenjägerin
Die Virenjägerin

208 Seiten
ISBN 3-938764-02-3

Preis: 14.80 Euro

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