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Die Virenjägerin

Kapitel 4


  
Das Gespräch mit Martin ließ Iris auch am Abend keine Ruhe. Erneut durchforstete sie im Internet alle Seiten, die mit Seuchen zu tun hatten, fand aber wieder nichts Relevantes.

Ich sollte den Quatsch einfach vergessen. Die lungenkranken Touristen gehen mich nichts an. Aber ich sollte dieses übersteigerte Interesse an Seuchen vielleicht als Hinweis nehmen, dass ich mich um einen neuen Job kümmern müsste. Fällt mir ja schwer, denn irgendwie habe ich bisher wohl noch gehofft, dass unsere Firma sich wieder erholt. Aber das ist blauäugig und naiv.

Iris ging auf die Seiten des Robert Koch Institutes und verzweigte diesmal nicht auf die Seuchennachrichten, sondern klickte sich zur Kontaktseite durch. Leider konnte man sich nicht online bewerben, sondern nur traditionell per Post. Also schrieb Iris eine normale Bewerbung, schob sie in einen Briefumschlag und steckte Kopien ihrer Zeugnisse dazu. Am nächsten Tag würde sie den Brief unterwegs einwerfen. Danach fühlte sie sich gleichzeitig besser und schlechter. Wenigstens einen kleinen Schritt für eine neue Zukunft habe ich unternommen. Aber die eigene Firma rückt dadurch wieder etwas weiter ins Traumland.

Als sie am nächsten Tag wieder im Taxi saß, war Iris jedoch froh, dass sie sich beworben hatte, denn sie spürte, dass sie das Taxifahren bald hassen würde. Es ist einfach was völlig anderes als Kartrennen, hier durch die Innenstadt zu schleichen. Ach, die Kartrennen, die haben Spaß gemacht. Und jetzt ist das schon so lange her. Schade, dass ich bei den Tourenwagen nie so recht Fuß fassen konnte. Aber man kann nicht alles haben. Ich habe immerhin zwei abgeschlossene Studien, beide nicht schlecht. Mit der Medizin finde ich bestimmt leicht eine neue Arbeit und selbst bei der Biologie habe ich Hoffnung, denn zusammen mit der Medizin ergibt sich ein begehrtes Duo. Vielleicht nehmen die mich ja sogar beim Robert Koch Institut, das wäre erste Sahne. Die zahlen zwar bestimmt nicht viel, aber ich brauche ja auch keine Unsummen, vor allem nicht, wenn ich den ganzen Tag arbeite.

Wie gewohnt stellte sich Iris beim Krankenhaus in die Warteschlange. Die meisten Fahrgäste kamen mit gebrochenen Armen und anderen Verletzungen und viele erzählten ihr wortreich von ihren jeweiligen Unfällen. Das zeigt mir mal wieder deutlich, dass ich mich in einer Unfallambulanz gar nicht erst bewerben brauche. Sowas reizt mich einfach nicht. Bei den meisten der Verletzten denke ich ständig "hätten Sie besser aufgepasst". Wie leichtsinnig viele Menschen sind. Forschung gefällt mir sehr viel besser. Heilmittel entdecken, auch wenn es lange dauert - das ist meine Passion. Vielleicht sollte ich doch nach München gehen, oder vielleicht in die Schweiz. Na ja, jetzt warte ich erst mal ab, was die Bewerbung bringt. Außerdem muss ich ja wegen der Abwicklung der Firma noch eine Weile hier bleiben. Schlimm genug, das Yacup so weit weg ist.

"Hallo, können Sie mich fahren?" eine junge Frau, mit einer Plastiktüte in der Hand, klopfte an die Scheibe.

"Ja, gerne. Wo solls hin gehen?"

"Zum Bahnhof bitte!"

"Steigen Sie nur ein."

Die Frau nahm Platz und Iris fuhr los. Geschickt fädelte sie sich in den fließenden Verkehr.

"Waren Sie schon mal auf einer Isolierstation?" fragte die Kundin. Sofort spitzte Iris die Ohren.

"Nur zu Besuch. Kommen Sie gerade von der Isolierstation?"

"Genau. Meine Eltern liegen dort, mit Lungenentzündung. Und mich haben sie drei Tage lang festgehalten, weil ich erkältet war. Stellen Sie sich mal vor: die haben doch glatt gedacht, dass ich auch Lungenentzündung bekommen könnte."

"Bei sowas müssen die auf Nummer Sicher gehen, auch wenn es unangenehm ist. Sie wirken aber gar nicht erkältet."

"Genau. Es ist wieder besser. Darum haben die mich ja auch gehen lassen. War wohl nix mit deren Befürchtung."

"Und Ihre Eltern haben eine Lungenentzündung?"

"Ja, fürchterlich! Beide atmen ganz schnell und tragen Sauerstoffmasken. Dabei sind sie gerade erst von so einer schönen Reise zurückgekehrt."

"Einer Reise?"

"Genau. Soll einfach herrlich gewesen sein. In Asien, mit dem Schiff waren sie unterwegs. Die Ärzte befürchten eine Tropenkrankheit. Aber vielleicht ist es auch eine normale Lungenentzündung mit solchen Pneumodingern, haben die Ärzte gesagt."

"Meinen Sie Pneumokokken?"

"Genau. Pneumo... äh ... kokken, so hießen die. Das sei sehr verbreitet, sagen die Ärzte. Ist aber schon komisch, dass so viele der Schiffsreisenden solche Kokkenteile haben sollen."

"Sowas kann schon mal vorkommen, dass Pneumokokken als kleine Epidemie auftreten. Wo waren Ihre Eltern denn in Asien?"

"An tausend Orten. Ganz viel Indonesien, aber auch Thailand, Philippinen, Malaysia, Hongkong und so weiter. In Australien ging es los und dann hin und her durch diese Inselwelt. Und kaum waren sie wieder zurück, wurden sie krank. Na ja, besser als irgendwo im indonesischen Dschungel."

"Haben Sie vielleicht eine Idee, wo sich Ihre Eltern angesteckt haben könnten? Wo waren sie denn in der letzten Woche vor der Rückreise?"

"Keine Ahnung. Da sind auch die Ärzte völlig ratlos. Zuletzt waren sie auf den Philippinen, bevor sie von Hongkong aus nach Hause geflogen sind. Wenn Sie es genau wissen wollen, können Sie ja im Internet gucken. Denn meine Mutter hat während der Reise ein Internet-Tagebuch geführt. Mit Karten, Bildern und genauen Beschreibungen von allen Sehenswürdigkeiten."

"Oh, das klingt ja interessant - ein Tagebuch im Internet. Das würde ich gerne anschauen. Können Sie mir die Adresse geben, wenn wir am Bahnhof angekommen sind?"

"Genau. Das mache ich doch gerne. Meine Mutter freut sich immer über Besucher in ihrem Tagebuch."

Als Iris am Bahnhof anhielt, notierte sie sich die Internet-Adresse auf ihren Notizblock: http://wt.parsimony.net/buch944/

Abends zu Hause, rief Iris gleich das Tagebuch auf, denn sie konnte es kaum abwarten, dort vielleicht Hinweise auf einen möglichen Ansteckungsort zu erhalten. Mit dieser Info könnte sie dann viel gezielter nach Seuchenausbrüchen weitersuchen.

Das Tagebuch schlug sie schnell in den Bann. Es machte Lust darauf, selbst dort hin zu reisen und all die Inseln mit ihren Vulkanen, Stränden und dem Kunsthandwerk der Einwohner zu besuchen.

Vielleicht könnte ich das sogar einschieben, wenn die Formalitäten mit der Firmenauflösung erledigt sind. Mit einem neuen Job kann ich an so eine Reise erst mal gar nicht denken, aber vorher ginge das schon, wenn ich will. Mein Geld würde dafür bestimmt noch reichen. Klingt einfach phantastisch, was die Frau so schreibt. Und wenn man immer wieder in die heile Welt des Schiffes zurückkehren kann, ist es bestimmt auch nicht so stressig, wie in Hotels vor Ort. Aber ich sollte nicht vergessen, dass die Reisenden unterwegs schwer krank geworden sind. Vielleicht sollte ich mir das noch mal gründlich überlegen, mit der eigenen Reise. Wo sie sich nur angesteckt haben könnten? Es muss in der letzten Woche passiert sein, oder vielleicht auch in den letzten zwei Wochen. Ich finde einfach keinen Hinweis auf eine Ansteckung in diesem Zeitraum.

Die Virenjägerin

Die Seuchen in der Geschichte der Menschheit
von Jacques Ruffie, Jean-Charles Sournia

Vollautomatisch
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Die Virenjägerin
Die Virenjägerin

208 Seiten
ISBN 3-938764-02-3

Preis: 14.80 Euro

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